
DiskursGlossar
Nachhaltigkeit
Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke: (Bildung für) nachhaltige Entwicklung, planetare Grenzen, Generationengerechtigkeit, SDGs (Sustainable Development Goals)
Siehe auch: Kipppunkt, Greenwashing, Schlagwort, Moralisierung
Autorin: Nina Janich
Version: 1.0 / Datum: 09.01.2025
Kurzzusammenfassung
Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit). In der Regel unterscheidet man eine ökonomische, ökologische und soziale Dimension von Nachhaltigkeit. Während anfangs die ökonomische im Vordergrund stand, dominiert inzwischen meist die ökologische. Spätestens mit der Agenda 21 des UN-Umweltgipfels von Rio de Janeiro 1992 hat Nachhaltigkeit als Schlagwort breiten Einzug in die öffentliche Debatte und insbesondere in Politik und Wirtschaft gehalten. Die gesellschaftspolitischen Erwartungen an eine nachhaltige Entwicklung haben jedoch in vielen Fällen vor allem zu einem sogenannten Greenwashing geführt, also zu vielfältigen Strategien eines ‚Mehr Schein als Sein‘ in der öffentlichen Kommunikation und Selbstdarstellung (Werbung). Heute schwankt die Einordnung des Schlagworts zwischen der Position, Nachhaltigkeit sei ein leerer Signifikant – also so etwas wie eine positiv konnotierte Worthülse, die eigentlich gar nichts bedeute und damit auch politisch nichts besage –, und einem nachdrücklichen Bekenntnis zu Nachhaltigkeit als einem gesellschaftspolitischen Leitkonzept für die Umsetzung konkreter ressourcenschonender Maßnahmen (z. B. im Feld der Energieeinsparung).
Erweiterte Begriffsklärung
Nachhaltigkeit wurde ursprünglich im 19. Jahrhundert als Fachbegriff in der Forstwirtschaft geprägt: Er sollte verdeutlichen, dass Entscheidungen im Hier und Jetzt (zum Beispiel: welche Baumarten pflanzt ein Förster wo und wann?) maßgeblichen Einfluss auf die Zukunft haben (im Beispiel bleibend: Welche Art von Wald haben wir also in 50–100 Jahren?). Und dass deshalb schon heute sorgsam geplant und entschieden werden muss, will man seine Entscheidungen in der Zukunft nicht bereuen (weil dann z. B. keine ausreichende Menge an qualitativ gutem Holz als Wirtschaftsgut und Rohstoff zur Verfügung steht). Nachhaltigkeit ist also begriffsgeschichtlich zuerst einmal ökonomisch geprägt.
Eine einschlägige umweltpolitische Dimension bekam er, als mit dem sogenannten „Brundtland-Bericht“, den die 1983 gegründete Weltkommission für Umwelt und Entwicklung 1987 verabschiedete (benannt nach der Vorsitzenden, der norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland), der verwandte Begriff der nachhaltigen Entwicklung geprägt wurde. Der Brundtland-Bericht gilt als Ausgangspunkt des weltweiten politischen Umwelt- und Nachhaltigkeitsdiskurses: Er hat unmittelbar zum ersten Umweltgipfel der Vereinten Nationen 1992 in Rio de Janeiro und damit der Verabschiedung eines internationalen politischen Nachhaltigkeitsprogramms, der Agenda 21, geführt. Gemäß der viel zitierten Definition des Brundtland-Berichts, die seitdem Bestandteil aller internationaler Umweltabkommen ist, ist nachhaltige Entwicklung eine „Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“ (Hauff 1987: 46) (Generationengerechtigkeit). Dass dies nur durch einen umfassenden gesellschaftlichen Wandel geschehen kann, also durch einen
Wandlungsprozeß, in dem die Nutzung von Ressourcen, das Ziel von Investitionen, die Richtung technologischer Entwicklung und institutioneller Wandel miteinander harmonieren und das derzeitige und künftige Potential vergrößern, menschliche Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen (Hauff 1987: 49),
wird allerdings seltener zitiert, weil es politisch gravierendere Auswirkungen hätte und deshalb weniger Konsens findet.
Das Ziel einer umfassenderen Transformation wurde von den Vereinten Nationen erst 2015 in New York beschlossen: Im Rahmen der Agenda für nachhaltige Entwicklung 2030 (kurz: Agenda 2030) wurden 17 Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDGs; s. Abb. 1) formuliert, die auch von der Bundesregierung als für alle gesellschaftlichen Handlungsfelder verpflichtend verabschiedet wurden (Bundesregierung o. D.). Durch differenzierte Bezüge auf verschiedene politische Handlungsfelder (Umwelt- und Naturschutz, Energie, Industrie, Handel, Gesundheit, Bildung etc.) und konkrete Zielformulierungen (z. B. zur Sicherung von Trinkwasser, Schutz der Meere, Reduzierung von Armut, Sicherung von Bildung, fairem Handel oder nachhaltigem Konsum) bis 2030 sollen die SDGs die ökologische, ökonomische und soziale Dimension von Nachhaltigkeit gleichermaßen abbilden, auch wenn längst deutlich geworden ist, dass ökonomische und soziale Ziele ihre notwendigen Grenzen in den ökologischen finden: Statt bisheriger 3-Säulen-Modelle (s. Abb. 2) für Nachhaltigkeit versucht man daher seit einiger Zeit, mit Kreismodellen (sog. doughnut economics, z. B. Raworth 2017) zu zeigen, dass die planetaren Grenzen (planetary boundaries, Rockström et al. 2009), die wir rechnerisch seit Jahren meist bereits nach dem ersten Quartal eines jeden Jahres überschreiten, definitive Grenzen im Sinne einer notwendigerweise zu erhaltenden Lebensgrundlage sind – also solche, innerhalb derer soziale und ökonomische Entscheidungen überhaupt nur getroffen werden können (Kipppunkte).
Abb. 1: Die 17 globalen Nachhaltigkeitsziele; Bild der Bundesregierung (2025).
Abb. 2: Kreismodell zu planetaren Grenzen; Abbildung hier von der Website des Stockholm Resilience Centre (2012).
Da die komplexe Problematik, die sich eigentlich hinter dem Begriff der Nachhaltigkeit verbirgt, im Kern seit mindestens 50 Jahren bekannt ist (man denke an Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Meadows et al. 1972; siehe auch Postwachstum), steht kaum zu hoffen, dass sich der unverbindliche Schlagwort-Charakter von Nachhaltigkeit so schnell zugunsten eines echten Willens zur Transformation verliert (siehe unten Beispiel 1; einen Überblick zur Begriffsentwicklung und unterschiedlichen Bewertungen findet man z. B. bei Rocco 2024). Dies zeigt sich nicht zuletzt in den politischen Wahlkampfthemen. War beispielsweise der Europa-Wahlkampf 2019 noch von einer selten großen Mobilisierung für den Klimaschutz geprägt, so dominieren spätestens seit dem Bundestags-Wahlkampf 2024 wieder wirtschaftliche Perspektiven und Wachstumsideologie. Schon 2019/2020 jedoch diagnostizieren Soziolog:innen eine globale „nachhaltige Nichtnachhaltigkeit“ (Blühdorn et al. 2020) in Politik und Wirtschaft.
Nachhaltigkeit ist heute zu einem polysemen Schlagwort geworden: Wer Generationengerechtigkeit eher als anhaltendes wirtschaftliches Wachstum versteht, kann sich dazu ebenso bekennen wie jemand, der es ökologisch auf den Schutz unserer Lebensgrundlagen (z. B. Klima, Wasser, Biodiversität) bezieht. Zudem ist die Frage, wie Nachhaltigkeit konkret zu erreichen ist, durch die zugrunde liegende Komplexität des Gefüges aus ökologischen, ökonomischen und sozialen Faktoren schwer zu beantworten (z. B. Rocco 2017: 253) – dies zeigt ja auch nicht zuletzt die thematische Breite, die mit den 17 SDGs abzudecken versucht wird. Nachhaltigkeit bleibt deshalb im öffentlichen Diskurs oft ein „leerer Signifikant“ (Laclau 2002): ein Schlagwort ohne konkrete denotative Bedeutung, das allein von seiner positiven Aura lebt und dessen Verwendung damit auch ohne echte Konsequenzen bleiben kann (vgl. ausführlicher Rocco 2024). Über den ebenso prominenten Begriff der nachhaltigen Entwicklung ist es zudem möglich, entsprechende Ziele oder Maßnahmen als erst anlaufenden Prozess zu konzeptualisieren, wovon beispielsweise die Metaphorik in Nachhaltigkeitsberichten von Unternehmen oder Städten zeugt, die nachhaltige Entwicklung als Weg oder auch noch zu bauendes Bauwerk konzeptualisiert (vgl. Niemczyk 2017a und b, Rocco 2017: 254).
Beispiele
(1) Politik: Koalitionsvertrag der Bundesregierung (Große Koalition) 2025
Die folgenden drei exemplarischen Auszüge stammen aus dem Koalitionsvertrag für die 21. Legislaturperiode (Koalitionsvertrag 2025). Es handelt sich jeweils um Ausschnitte rund um das Vorkommen von Nachhaltigkeit (insgesamt 12 Nennungen, meist in Komposita wie Nachhaltigkeitsfaktor, ‑ziele, ‑berichterstattung), die in den Zitaten von mir hervorgehoben sind.
(1a) Aus dem Kapitel 1.2. Arbeit und Soziales, Abschnitt Rente, Alterssicherung, Reha und Sozialversicherungen (Zeile 587–595)
Wir werden die Alterssicherung für alle Generationen auf verlässliche Füße stellen. Deshalb werden wir das Rentenniveau bei 48 Prozent gesetzlich bis zum Jahr 2031 absichern. Die Mehrausgaben, die sich daraus ergeben, gleichen wir mit Steuermitteln aus. Am Nachhaltigkeitsfaktor halten wir grundsätzlich fest. Nur eine wachstumsorientierte Wirtschaftspolitik, eine hohe Beschäftigungsquote und eine angemessene Lohnentwicklung ermöglichen es, dies dauerhaft zu finanzieren. Deshalb werden wir im Jahr 2029 im Hinblick auf diese Faktoren die tatsächliche Entwicklung des Beitrags und des Bundeszuschusses evaluieren, um gegebenenfalls weitere Maßnahmen zu ergreifen. In einer Rentenkommission werden wir bis zur Mitte der Legislatur eine neue Kenngröße für ein Gesamtversorgungsniveau über alle drei Rentensäulen prüfen.
(1b) Aus dem Kapitel „1.5. Ländliche Räume, Landwirtschaft, Ernährung, Umwelt“ (Zeile 1152–1163)
Die Menschen in Deutschland, in Stadt und Land, erwarten zurecht gleichwertige Lebensverhältnisse, eine funktionierende Daseinsvorsorge, gesunde Lebensmittel und eine intakte Natur und Umwelt. Wir treten für Nachhaltigkeit, auch beim Konsum, und eine zukunftsfähige Landwirtschaft ein, die wir aufbauend auf vergangenen und laufenden Dialogprozessen im Geiste eines gesamtgesellschaftlichen Konsenses ausgestalten wollen.
Landwirtschaft
Die Landwirtinnen und Landwirte sowie ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit und sind unsere natürlichen Partner bei Themen wie Umwelt-, Klima-, Natur- sowie Tier- und Artenschutz. Land- und Forstwirtschaft verdienen Respekt und Anerkennung sowie verlässliche Rahmenbedingungen – unabhängig von der Größe der Betriebe und der Bewirtschaftungsform. Dies gilt von kleinbäuerlich strukturierten Betrieben bis hin zu regional verankerten Agrarbetrieben und Mehrfamilienunternehmen.
(1c) Ebd. (Zeile 1207–1216)
Chemiestandort Deutschland
Wir stehen für eine moderne Stoffpolitik und bekennen uns zum Chemiestandort Deutschland. Für uns ist der risikobasierte Ansatz im Chemikalienrecht die Richtschnur, die Umwelt-, Gesundheitsschutz und Wettbewerbsfähigkeit in Einklang bringt, auch bei einer Überarbeitung der Europäischen Chemikalienverordnung (REACH). Ein Totalverbot ganzer chemischer Stoffgruppen wie Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) lehnen wir ab. Forschung und Entwicklung von Alternativstoffen werden forciert. Wo der Einsatz von gleichwertigen Alternativen möglich ist, sollen PFAS zeitnah ersetzt werden.
Wir bekennen uns zu den Zielen der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie und werden diese inhaltlich und strategisch weiterentwickeln. Wir stärken den Parlamentarischen Beirat für Nachhaltige Entwicklung.
Im Koalitionsvertrag finden sich ausdrückliche Verpflichtungen auf die internationalen (Zeile 3987) und nationalen (Zeile 1215 f.) Nachhaltigkeitsziele sowie der Hinweis, dass die Meeres-, Klima- und Nachhaltigkeitsforschung gefördert werden solle (Ziele 2539). Diesen Absichtserklärungen (und auch den dazu stimmigen, hier und da eingestreuten Erklärungen zu einem beabsichtigten Umwelt-, Natur- und Klimaschutz) widerspricht aber beispielsweise in Beleg (1c) oben das explizite Bekenntnis zur modernen Stoffpolitik und zum risikobasierten Ansatz (letzterer ist das Gegenkonzept zum Vorsorgeprinzip!) sowie die generelle Ablehnung des Verbots von Stoffgruppen, weil dies bedeutet, dass immer neue Vertreter problematischer Stoffgruppen entwickelt und erst nach einem langwierigen Schädlichkeitsbeweis wieder verboten werden können (vgl. zur Kritik an der Konzeption und Umsetzung der europäischen Chemikalienverordnung REACH bei ClientEarth 2024). Die globale Chemikalienbelastung wird also weiter ansteigen (siehe die laut dem Stockholm Resilience Center 2023 erstmals gemessene und bereits deutlich überschrittene Grenze der „Novel entities“; siehe Stockholm Resilience Centre (2012)) – damit sind nicht nur das Leben an Land (Sustainable Development Goal/SDG 15), sondern auch Wasserqualität (SDG 6), das Leben unter Wasser (SDG 14) und ebenso die Gesundheit der Menschen (SDG 3) gefährdet.
Die pauschale Absichtserklärung in (1b), für Nachhaltigkeit eintreten zu wollen (einzig konkretisiert durch auch beim Konsum), wird konterkariert dadurch, dass beim Wunsch nach einer zukunftsfähigen Landwirtschaft kein Wort zur Unterscheidung von intensiver und extensiver Landwirtschaft fällt. Also auch nicht dazu, dass unsere aktuell meist intensive Landwirtschaft ein ganz wesentlicher Treiber für die chemische Belastung des Trink- und Grundwassers und den Biodiversitätsverlust ist – stattdessen heißt es pauschal (und sicherlich, um solchen Einwänden vorzubeugen): Land- und Forstwirtschaft verdienen Respekt und Anerkennung.
Ähnlich vage bleibt schließlich der Verweis auf das grundsätzliche Festhalten am Nachhaltigkeitsfaktor in Beleg (1a), der auf Äußerungen zur Rentenstabilität und deren Finanzierung durch Steuermittel folgt und überhaupt keinen klaren Bezug aufweist. Dass die Mehrausgaben für ein stabiles Rentenniveau während der Legislaturperiode pauschal und ebenfalls ohne weitere Differenzierung mit Steuermitteln ausgeglichen werden sollen, vermeidet jegliche Konkretisierung im Hinblick auf eine größere (Steuer-)Gerechtigkeit (SDG 10). Das wäre aber eine wichtige Information, denn zugleich sollen Steuern und Abgaben laut Vertrag gesenkt werden (Zeile 94) – ein Wort wie Vermögenssteuer kommt im Vertrag zum Beispiel aber nicht vor.
Statt also Nachhaltigkeit politisch konkreter dort auszubuchstabieren, wo die zu den SDGs passenden Politikfelder angesprochen werden, ist der Koalitionsvertrag an mehreren Stellen geprägt vom Gegenprogramm einer ungebrochenen Wachstumsideologie (u. a. in Beleg 1a oder in Aussagen zur Weiterentwicklung des Binnenmarkts als Motor unserer Wirtschaftskraft, Zeile 4330) – damit widerspricht er dem SDG 12 „Nachhaltig produzieren und konsumieren“, und mit den Implikationen bezüglich der Verteilung der Steuerlast auch SDG 8 „Nachhaltig wirtschaften als Chance für alle“ und SDG 10 „Weniger Ungleichheiten“. Damit könnte man den Koalitionsvertrag vermutlich sehr gut als ein Dokument der bereits zitierten „nachhaltigen Nicht-Nachhaltigkeit“ betrachten (Blühdorn et al. 2020) – zumindest ist Nachhaltigkeit hier ein weitgehend „leerer Signifikant“ (Laclau 2002; vgl. auch Rocco 2024).
(2) Werbung: Nachhaltigkeit als verbrauchtes Werbeargument?
Zitiert und analysiert wird hier der Produktverpackungstext auf Ammerländer Biomilch (2022).
[Seitenfläche 1 des Tetrapaks:] Unsere Kühe: Auf unseren Bioland-Höfen haben unsere Kühe das ganze Jahr über ausreichend Auslauf. Wann immer es das Wetter zulässt, stehen sie draußen auf den saftigen Weiden. Ihr Futter stammt überwiegend vom eigenen Hof und ist rein ökologisch. So erhalten wir auch Lebensraum für Bienen, Vögel und Regenwürmer und fördern die biologische Vielfalt in unserer Region.
Unsere Region: Wir verbreiten nur Milch von eigenen Höfen im Umkreis von 80 km zur Molkerei. So bleiben die Transportwege kurz und wir können eine kontrollierte Qualität vom Hof bis in den Handel garantieren.
Unser Geschmack: Durch schonende Mikrofiltration bleibt unsere Milch länger haltbar und behält ihren vollen Geschmack. Nährstoffe und Vitamine bleiben dabei erhalten.
[als einziges grün unterlegt und mit einer Art Button leicht überlagert/angeschnitten: „Faire Preise für unsere Landwirte:“] Unsere Milchbauern: In unserer Molkerei-Genossenschaft kommen die Erlöse vollständig unseren regionalen Milchbauern zugute. Faire Milchpreise sind die Voraussetzung für eine zukunftsfähige Landwirtschaft und den Erhalt unserer Familienbetriebe.
[Seitenfläche 2 des Tetrapaks:] Unsere Verpackung: Papier und Kunststoff unseres nachhaltigen Milchkartons basieren auf erneuerbaren Rohstoffen. [an einer kleinen Abbildung des Kartons mit zwei Hinweispfeilen auf die Außen- und die Innenschicht:] Karton aus ungebleichtem Zellstoff – Pflanzenbasierte Kunststoffe. [Unter der Abbildung:] Zum Recycling in die gelbe Tonne/den gelben Sack geben. Mehr Infos unter www.ammerlaender.de [es folgt eine Nährwerttabelle und dann die beiden Siegel ISCC – für contributing to responsible sourcing of bio-based materials – und FSC – für Karton aus verantwortungsvollen Quellen]
Das Interessante an diesem Text ist, dass das Wort nachhaltig tatsächlich überhaupt nur – man möchte sagen: nur noch – ein einziges Mal auf der ganzen Verpackung vorkommt, und zwar beim Thema Verpackung bzw. Recyclebarkeit. Die Argumentation bezieht sich aber ganz massiv auf Aspekte, die man dem Konzept der Nachhaltigkeit zuordnen könnte. Sie umfasst sozusagen den gesamten Lebenszyklus des Produkts Milch von den Ressourcen und der Herstellung bis hin zu Konsum und Verpackungsrecycling. Damit werden indirekt auch unterschiedliche Nachhaltigkeitsziele (SDGs) aufgerufen (vgl. auch Dornauf 2024, Janich im Druck), denn die Marke wirbt für sich und ihr Verantwortungsbewusstsein für eine nachhaltige Entwicklung durch eine enge Verflechtung von ökologisch, ökonomisch und sozial motivierten Verweisen auf extensive Landwirtschaft und kurze Lieferwege (SDG 13: Klimaschutz), die Förderung von Tierwohl und Biodiversität (SDG 15: Leben an Land), schonende Produktionsverfahren (SDG 3: Gesundheit), lokale Produktion in Familienbetrieben und faire Preispolitik (SDG 12: Konsum und Produktion) – und eben die recyclebare Verpackung, die gleich zwei (Nachhaltigkeits-)Zertifizierungen erfüllt (die man natürlich ebenso wie die Verpackungsargumentation im Hinblick auf ihre Umsetzung und tatsächliche Effektivität im Blick auf Nachhaltigkeit genauer unter die Lupe nehmen muss). Das Beispiel zeigt damit zugleich dreierlei: (1) Dass Nachhaltigkeit (immer noch) ein zentrales rhetorisches Argument in der Werbung ist, auch wenn das Wort selbst gar nicht verwendet wird. (2) Dass Nachhaltigkeit inhaltlich kein leerer Signifikant sein muss, sondern sich z. B. im Blick auf verschiedene Bedeutungsdimensionen bzw. Handlungsfelder und Maßnahmen entfalten kann. (3) Und dass eine häufige inhaltsleere Verwendung als Schlagwort über lange Zeit dazu geführt hat, dass Unternehmen inzwischen aktiv vermeiden, diesen und verwandte Ausdrücke zu verwenden (sogenanntes Greenhushing) – z. B., um nicht des Greenwashings bezichtigt zu werden.
Literatur
Zum Weiterlesen
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Janich, Nina; Sachse, Gina-Maria; Simon, Niklas (2024): Gut für dich, gut für den Planeten. Lokale vs. globale Dimensionen von Nachhaltigkeit auf Produktverpackungen. In: Linguistica, Jg. 64, Heft 1, S. 119–138.
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Meer, Dorothee (2022): Green Deal, Naturschutz und Pandemie. Sprachliche und bildliche Aspekte der Kommunikation von Nachhaltigkeit in Form von Narrativen. In: Berger, Lars; Frohn, Hans-Werner; Schell, Christiane (Hrsg.): Biodiversitätsverlust, Klimawandel und Covid-19-Pandemie. Zum Verhältnis bestehender Krisenlagen. Bonn, S. 99–114.
Zitierte Literatur und Belege
- Bundesregierung (o. D.): e. In: Bundesregierung.de. Online unter: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/nachhaltigkeitsziele-erklaert-232174 ; Zugriff: 25.11.2025.
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Blühdorn, Ingolfur; Butzlaff, Felix; Deflorian, Michael; Hausknost, Daniel; Mock, Mirijam (2020): Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit. Warum die ökologische Transformation der Gesellschaft nicht stattfindet. 2., aktual. Aufl. Bielefeld: Transcript.
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ClientEarth (2024): Warum REACH weiterentwickelt werden muss: Neue Erkenntnisse und mangelnde Durchsetzung. 14. Mai 2024. Online unter: https://www.clientearth.de/aktuelles/aktuelle-news/warum-reach-weiterentwickelt-werden-muss-neue-erkenntnisse-und-mangelnde-durchsetzung/ ; Zugriff: 30.9.2025.
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Dornauf, Charlotte (2024): Nachhaltigkeitsvermittlung auf Biomilchverpackungen. In: Freudenberg, Johanna; Rhein, Lisa; Simon, Niklas (Hrsg.): Exploring Eco-Discourses. Perspektiven – Ansätze – Methoden. Technische Universität Darmstadt, S. 74–111.
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Hauff, Volker (Hrsg.) (1987): Unsere gemeinsame Zukunft: der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung. Greven: Eggenkamp.
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Janich, Nina (im Druck): Das treibt uns jeden Tag an – Nachhaltigkeit als temporales Konzept auf Produktverpackungen. Erscheint in: Banholzer, Volker (Hrsg.): Zukunft in der Wirtschafts- und Unternehmenskommunikation. Wiesbaden (Europäische Kulturen in der Wirtschaftskommunikation).
- Koalitionsvertrag (2025): Verantwortung für Deutschland. Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD. Online unter: https://www.koalitionsvertrag2025.de/sites/www.koalitionsvertrag2025.de/files/koav_2025.pdf ; Zugriff: 03.10.2025.
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Laclau, Ernesto (2002) Was haben leere Signifikanten mit Politik zu tun? In: Ders.: Emanzipation und Differenz. Wien: Turia + Kant, S. 65–78.
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Meadows, Donella; Meadows, Dennis; Randers, Jørgen; Behrens III, William W. (1972): The Limits to Growth. A Report for the Club of Rome’s Project on the Predicament of Mankind. New York. [Dt.: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Aus dem Amerikanischen von Hans-Dieter Heck. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt.]
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Niemczyk, Viona (2017a): Auf dem Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft. Wegmetaphorik und Energiekommunikation in der Nachhaltigkeitsberichterstattung der Stadt Zürich. In: Rosenberger, Nicole; Kleinberger, Ulla (Hrsg.): Energiediskurs: Perspektiven auf Sprache und Kommunikation im Kontext der Energiewende. Bern: Peter Lang, S. 225–240.
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Niemczyk, Viona (2017b): Metaphern – Sprachliche Bauten städtischer Nachhaltigkeitskommunikation? In: Engels, Jens I.; Janich, Nina; Monstadt, Jochen; Schott, Dieter (Hrsg.): Nachhaltige Stadtentwicklung. Infrastrukturen, Akteure, Diskurse. Frankfurt a. M., New York: Campus, S. 223–239.
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Raworth, Helen (2017): Meet the doughnut: the new economic model that could help end inequality. World Economic Forum. 28.04.2017. Online unter: https://www.weforum.org/stories/2017/04/the-new-economic-model-that-could-end-inequality-doughnut/ ; Zugriff: 23.05.2025.
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Renn, Ortwin; Deuschle, Jürgen; Jäger, Alexander; Weimer-Jehle, Wolfgang (2007): Leitbild Nachhaltigkeit. Eine normativ-funktionale Konzeption und ihre Umsetzung. Wiesbaden: Springer Nature.
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Rocco, Goranka (2017): Unternehmerische und städtische Nachhaltigkeitsberichte. Eine textologisch-diskurslinguistische Betrachtung. In: Engels, Jens I.; Janich, Nina; Monstadt, Jochen; Schott, Dieter (Hrsg.): Nachhaltige Stadtentwicklung. Infrastrukturen, Akteure, Diskurse. Frankfurt a. M., New York: Campus, S. 240–260.
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Rocco, Goranka (2024): Sprache und Nachhaltigkeit, sprachliche Nachhaltigkeit: Zwischen Ökonomisierung und simulativer Demokratie? In: Linguistica, Jg. 64, Heft 1, S. 11–39.
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Rockström, Johan et al. (2009): Planetary Boundaries. Exploring the Safe Operating Space for Humanity. In: Ecology and Society, Jg. 14, Heft 2, Art. 32.
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Stockholm Resilience Centre (2012): Planetary boundaries. Online unter: https://www.stockholmresilience.org/research/planetary-boundaries.html ; Zugriff: 03.10.2025.
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Stöckl, Hartmut; Molnar, Sonja (2017): Eco-Advertising. The Linguistics and Semiotics of Green(-Washed) Persuasion. In: Fill, Alwin; Penz, Hermine (Hrsg.): The Routledge Handbook of Ecolinguistics. London, New York: Routledge, S. 261–276.
Abbildungsverzeichnis
- Abb. 1: Bundesregierung (2025): e. In: Bundesregierung.de. Online unter: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/nachhaltigkeitsziele-erklaert-232174 ; Zugriff: 25.11.2025.
- Abb. 2: Stockholm Resilience Centre (2012): The 2025 update to the Planetary boundaries. Licensed under CC BY-NC-ND 3.0. Credit: „Azote for Stockholm Resilience Centre, based on analysis in Sakschewski and Caesar et al. 2025“. Online unter: https://www.stockholmresilience.org/research/planetary-boundaries.html ; Zugriff: 03.10.2025.
Zitiervorschlag
Janich, Nina (2025): Nachhaltigkeit. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 09.01.2025. Online unter: https://www.diskursmonitor.de/glossar/nachhaltigkeit.
DiskursGlossar
Grundbegriffe
Begriffsgeschichte
Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).
Diskurssemantische Verschiebung
Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.
Domäne
Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.
Positionieren
Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.
Deutungsmuster
Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.
Sinnformel
‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.
Praktik
Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).
Kontextualisieren
Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.
Narrativ
Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.
Argumentation
Argumentation bezeichnet jene sprachliche Tätigkeit, in der man sich mithilfe von Gründen darum bemüht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klären.
Techniken
AI-Washing/KI-Washing
Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.
Dogwhistle
Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.
Boykottaufruf
Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.
Tabuisieren
Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.
Aus dem Zusammenhang reißen
Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.
Lobbying
Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.
Karten
Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewählte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwählen und komplexe und oft umkämpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.
Pressemitteilung
Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfähigen Informationsweitergabe und übernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.
Shitstorm
Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.
Tarnschrift
Als Tarnschrift bezeichnet man unter den Bedingungen von Zensur und Verfolgungsrisiko veröffentliche Texte, die insbesondere in der strategischen Kommunikation des NS-Widerstands eine zentrale Rolle spielten.
Schlagwörter
Brückentechnologie
Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.
Deindustrialisierung
Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.
Echokammer
Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.
Relativieren
Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.
Massendemokratie
Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.
Social Bots
Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.
Kriegsmüdigkeit
Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.
Woke
Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.
Identität
Unter Identität versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.
Wohlstand
Unter Wohlstand sind verschiedene Leitbilder (regulative Ideen) zu verstehen, die allgemein den Menschen, vor allem aber den Beteiligten an politischen und wissenschaftlichen Diskursen (politisch Verantwortliche, Forschende unterschiedlicher Disziplinen usw.) eine Orientierung darüber geben sollen, was ein ‚gutes Leben‘ ausmacht.
Verschiebungen
Dehumanisierung
Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.
Kriminalisierung
Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.
Versicherheitlichung
In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.
Ökonomisierung
Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren
Moralisierung
Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.
Konstellationen
Krise
Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.
Partizipatorischer Diskurs
Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.
Skandal
Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.
DiskursReview
Review-Artikel
„Stadtbild“ – Eine gedankliche Chiffre im politischen Diskurs
Fragen Sie mal Ihre Töchter, was ich damit gemeint haben könnte, und wiederholte, er habe gar nichts zurückzunehmen und wolle an dieser Politik festhalten
Musk, Zuckerberg, Döpfner – Wie digitale Monopole die Demokratie bedrohen und wie könnte eine demokratische Alternative dazu aussehen?
Die Tech-Milliardäre Musk (Tesla, X,xAI) Zuckerberg (Meta), Bezos (Amazon) oder Pichai (Alphabet) sind nicht Spielball der Märkte, sondern umgekehrt sind die Märkte Spielball der Tech-Oligopolisten geworden.
Beobachtung zum Begriff „Diplomatie“ beim Thema Ukraine im Europäischen Parlament
Von EU-Vertretern waren zur Ukraine seit 2022 vor allem Aussagen zu hören, die sich unter dem Motto „as long as it takes“ beziehungsweise „so lange wie nötig“ für die Erweiterung der militärischen Ausstattung und der Verlängerung des Krieges aussprachen. Vorschläge oder Vorstöße auf dem Gebiet der „Diplomatie“ im Sinne von ‚Verhandeln (mit Worten) zwischen Konfliktparteien‘ gab es dagegen wenige, obwohl die klare Mehrheit von Kriegen mit Diplomatie beendet wurden (vgl. z.B. Wallensteen 2015: 142)
Die Macht der Worte 4/4: So geht kultivierter Streit
DiskursReview Die Macht der Worte (4/4):So geht kultivierter Streit Begleittext zum Podcast im Deutschlandfunk (1) Wörter als Waffen (2) Freund-Feind-Begriffe (3) Sprachliche Denkschablonen (4) So geht kultivierter StreitEin Text vonvon Friedemann VogelVersion: 1.0 /...
Die Macht der Worte 3/4: Sprachliche Denkschablonen
DiskursReview Die Macht der Worte (3/4):Sprachliche Denkschablonen Begleittext zum Podcast im Deutschlandfunk (1) Wörter als Waffen (2) Freund-Feind-Begriffe (3) Sprachliche Denkschablonen (4) So geht kultivierter StreitEin Text vonvon Friedemann VogelVersion: 1.0 /...
Die Macht der Worte 2/4: Freund-Feind-Begriffe
DiskursReview Die Macht der Worte (2/4): Freund-Feind-Begriffe Begleittext zum Podcast im Deutschlandfunk (1) Wörter als Waffen (2) Freund-Feind-Begriffe (3) Sprachliche Denkschablonen (4) So geht kultivierter StreitEin Text vonvon Friedemann VogelVersion: 1.0 /...
Die Macht der Worte 1/4: Wörter als Waffen
DiskursReviewDie Macht der Worte (1/4): Wörter als Waffen Begleittext zum Podcast im Deutschlandfunk (1) Wörter als Waffen (2) Freund-Feind-Begriffe (3) Sprachliche Denkschablonen (4) So geht kultivierter StreitEin Text vonvon Friedemann VogelVersion: 1.0 / 06.03.2025...
Relativieren – kontextualisieren – differenzieren
Die drei Handlungsverben relativieren, kontextualisieren, differenzieren haben gemein, dass sie sowohl in Fachdiskursen als auch im mediopolitischen Interdiskurs gebraucht werden. In Fachdiskursen stehen sie unter anderem für Praktiken, die das Kerngeschäft wissenschaftlichen Arbeitens ausmachen: analytische Gegenstände miteinander in Beziehung zu setzen, einzuordnen, zu typisieren und zugleich Unterschiede zu erkennen und zu benennen.
Wehrhafte Demokratie: Vom Wirtschaftskrieg zur Kriegswirtschaft
Weitgehend ohne Öffentlichkeit und situiert in rechtlichen Grauzonen findet derzeit die Militarisierung der ursprünglich als „Friedensprojekt“ gedachten EU statt.
Tagung 2025: „Das geht zu weit!“ Sprachlich-kommunikative Strategien der Legitimierung und Delegitimierung von Protest in öffentlichen, medialen und politischen Diskursen
„Das geht zu weit!“ Sprachlich-kommunikative Strategien der Legitimierung undDelegitimierung von Protest in öffentlichen, medialen und politischen Diskursen Tagung der Forschungsgruppe Diskursmonitor Tagung: 04. bis 5. Juni 2025 | Ort: Freie Universität Berlin...